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Veröffentlicht am 02.02.2016 von nemesis

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Interview W.A.S.P.

Freundliche Ja-Sager?

Mit Dying For The World haben die amerikanischen Rocker ihr 15. Album vorgelegt. Was Mastermind Blackie Lawless selbst dazu und zu anderen Dingen zu sagen hat, und dass er nicht nur dem weit verbreiteten Klischee eines Schockrockers entspricht, sondern durchaus mit beiden Beinen im Leben steht, zeigt das nachfolgende Interview auf. Viel gefragt scheint er ja zu sein, denn ursprünglich wurden mir nur knapp 20 Minuten Interviewzeit eingeräumt, aber letztendlich wurde es dann aber mehr als eine Stunde.

Was beim neuen Album zweifellos auffällt ist, dass es vielmehr persönliche Aussagen Blackie´s enthält als die letzten Outputs. Andererseits ist es nicht ganz so politisch wie der Vorgänger Unholy Terror

Leichter eine Waffe als einen Kredit

„Man kann einfach nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt laufen und sagen, alles ist gut. Es gibt so viele Dinge, die hier in Amerika und dem Rest der Welt im Argen liegen und das wird in Deutschland nicht anders sein. Man denke nur an dieses Schulmassaker. Als bei uns in Amerika solche Dinge passierten, hieß es, ist ja klar, dass kann ja auch nur in Amerika passieren mit diesen verfassungsmäßig garantierten loyalen Waffengesetzen. Und jetzt? Wahrscheinlich wird man auch in anderen Ländern, genauso wie bei uns, nach schärferen Waffengesetzen schreien, nur was nützt das denn? Es wird immer irgendwelche Bastarde geben, die glauben mit Waffengewalt alles lösen zu können und persönliche Rachefeldzüge starten.

Und mal ehrlich, sich ´ne Knarre irgendwo zu besorgen, dass ist doch im Endeffekt leichter als `nen Bankkredit zu bekommen. Du musst nur wissen wo du hingehen musst. So lange Politiker auf der ganzen Welt meinen, dass man Konflikte auch mit Waffengewalt lösen kann, solange wird es auch Typen geben, die genauso denken. Diese Welt ist einfach nicht friedlich und wird es wohl nie sein und da hilft alles Gerede von Love and Peace gar nichts.“

Hat er wohl nicht ganz unrecht damit. Andererseits aber denke ich, dass gerade im Bereich der Rockmusik dieses „Den Finger auf die Wunde legen“ bislang nicht allzu viel gebracht hat. Zumindest in den letzten Jahren nicht.

Umgehauen

„Das nicht ganz falsch, es gibt aber auch Gegenbeispiele. Mit W.A.S.P. will ich mich auch nicht als Lehrmeister aufspielen und sagen, hey Leute, ihr müsst das und das tun, denn ihr seid auf dem völlig falschen Trip. Was ich will, ist diejenigen, die meine Musik hören, ein wenig zum nachdenken zu bringen. Was der einzelne daraus macht, ist jedem sein ‚Cup of Tea‘. Auf unserem neuen Album gibt es zwei verschiedene Versionen von „Hallow Ground.“ Einmal eingespielt mit der ganzen Band und einmal eine rein akustische Version, die ich ganz alleine aufgenommen habe und in die ich meine ganze Leidenschaft reingelegt habe. Das was am 11ten September passiert ist, hat die Welt verändert.

 Das was am 11. September passiert ist, hat die Welt verändert.

Ich war am Ground Zero und obwohl ich dachte, dass mich nichts mehr umhauen kann, das was ich da sah, hat mich richtig fertig gemacht. Ich musste diesen Song einfach schreiben, und wenn es mich schon fertig macht, wie schlimm muss es dann erst für ein Kind sein…? Deswegen auch diese Perspektive. Als ich „Hallow Ground“ dann das erste Mal in der Band-Version gehört habe, stellte ich fest, dass mir da etwas fehlt, nämlich diese intensive Leidenschaft. Also habe ich es noch mal eingespielt. Diese Freiheit, einen Song auch ohne band aufzunehmen, werde ich mir immer nehmen. Man denke doch mal an Bob Dylan, der war und ist immer noch am besten und ausdruckstärksten in den Songs, die er ganz allein nur mit seiner Gitarre aufgenommen hat. Nicht dass ich mich mit ihm vergleichen will, er ist ein ganz anderes Kaliber. Es geht mir nur um die Intensität. Diese Idee, nämlich Songs alleine aufzunehmen, mit der gehe ich schon seit „Crimson Idol“ schwanger. Möglicherweise werde ich mal ein Album veröffentlichen auf dem es nur Blackie Lawless pur geben wird. Das heißt aber nicht, dass W.A.S.P. ad acta gelegt sein wird.“

Native Americans

Es gibt einen weiteren Song auf „Dying For The World“ der mit Blackie Lawless´ indianischer Abstammung zu tun hat. War erst jetzt die Zeit reif dafür diesen Song zu schreiben? „Ja und nein, wenn man so will. Ja, weil ich nach dem letzten Album und der letzten Tour endlich mal die Zeit gefunden hatte um dort hinzufahren, wo meine Vorfahren gelebt hatten. Ich weiß nicht, wie gut man die Geschichte der Native Americans (eigentlich die richtige Bezeichnung für Indianer ) kennt. Es gab da diesen langen Marsch zahlreicher Indianerstämme, in dem sie friedlich gegen die Unterdrückung der Weißen und ihre Freiheit demonstrieren wollten. Obwohl etliche Stämme sich nicht gerade grün waren, dieses Ziel hat sie vereint.

Dass es dann doch ein „Trail Of Tears“ wurde mit zahlreichen Toten war eigentlich vorherzusehen, denn die sogenannten weißen Herrenmenschen demonstrierten auf ihre Weise, was sie von dem Freiheitswillen der Indianer hielten. Es war nicht nur General Custer, der bei Massakern wie in der Schlacht von Alamo Tausende meiner Vorfahren killen ließ. Man wollte die Indians einfach ausrotten, weil sie ihre eigene Kultur, ihren Stolz, ihre Unbeugsamkeit und ihre Tradition und Wurzeln hatten, all das, was den Einwanderern und Landbesiedlern ein Dorn im Auge war. Die Bevölkerung Amerikas, so wie sich heute darstellt, ist doch eigentlich nichts natürlich gewachsenes, sondern setzt sich aus großen Teilen aus Menschen zusammen, deren Abstammungs-Wurzeln nun wirklich nicht aus Amerika stammen. Die wirklichen Uramerikaner sind doch die Indianer, das sollte man nie vergessen.

„Trail Of Tears“ ist auch eine Nummer, die ich ganz alleine aufgenommen habe, sogar die Drums wurden von mir selbst eingespielt. War gar nicht einfach, denn ich bin im meinem ganzen Leben noch nie hinter einem Schlagzeug gesessen. Und um auf das Nein zu kommen, denn die Geschichte meiner Vorfahren beschäftigt mich schon seit eh und je, es fehlte lediglich an der Zeit.“ Da liegt doch die Frage nahe, ob Blackie nicht mal ein Solo-Album in dieser Richtung aufnehmen möchte.

„Trail Of Tears“ ist auch eine Nummer, die ich ganz alleine aufgenommen habe

Solo-Scheibchen?

„Den Gedanken hatte ich auch schon öfter. Es müsste dann aber was ganz besonderes sein und würde mit W.A.S.P. nichts zu tun haben.“ Eine personelle Veränderung gibt es ja auch wieder in der Band. Nach dem Weggang von Chris Holmes kam Darrell Roberts als neuer Gitarrist in die Band und war auch schon auf der Unholy Terror – Tour mit dabei. Stet Howland bedient auch nicht mehr die Schießbude, sondern Frankie Banali.

„ Mit beiden bin ich absolut zufrieden. Darrell ist ein total anderer Typ als Chris Holmes. Er hat dieses Feeling für Songs und mannschaftsdienliche Arbeit, will sich nicht in den Vordergrund drängen mit seinem Spiel. Dem brauchte ich nicht lange zu sagen, so und so müsste das gespielt werden, der macht das einfach. Extravagante Soli sind nicht sein Ding. Damit will ich aber nichts Negatives über Chris sagen, es sind halt zwei vollkommen verschiedene Musiker. Und Frankie, also der gibt mir das Gefühl, dass es mit W.A.S.P. wieder richtig bergauf geht. Ich war mit ihm im Studio, er ist ja der erste der seine Parts einspielt, und bei jedem Track war deutlich zu spüren, wie er sich in einen Song reindenkt. Solche Typen brauchst du einfach in einer Band. Und weil ich sowohl Musiker und auch noch selbst der Produzent bin, muss ich einfach eine Truppe haben, bei der die Chemie stimmt. Und bei diesem Line-up stimmt sie einfach.“

Musiker oder Produzent?

Stichwort Produzent. Oft ist es ja so, dass ein Musiker andere Interessen und Vorstellungen bei der Produktion einer Platte hat, als der Produzent. Hat man als Produzent genügend Abstand zu einem selbst als der Musiker Blackie Lawless?

„Gute Frage, ich glaube , das ist erst das dritte Mal in zehn Jahren, dass ich so etwas gefragt werde? (hmmm…) Also um ehrlich zu sein, ich gehe die Dinge in erster Linie als Produzent an. Ich habe klare Vorstellungen wie WASP klingen soll, wieweit ich die technischen Möglichkeiten eines Studios ausnütze und vor allen Dingen, was nicht an Gimmicks und sagen wir mal „Klangspielereien“ aufs Album darf. Das hat Priorität. Der Musiker Blackie Lawless schreibt die Songs in erster Linie für sich, auch wenn das sehr egoistisch klingt. Ich werde mich nie irgendwelchen Trendsachen unterwerfen. Diese ganze MTV-gesteuerte Chartskacke wird nie mein Ding sein, auch wenn ich noch so viele Millionen damit machen könnte. Insofern habe ich auch keinerlei Konflikte mit mir selbst als Produzent.“

Diese ganze MTV-gesteuerte Chartskacke wird nie mein Ding sein

Gibt es für Blackie Lawless eigentlich musikalische Vorbilder?

„Klar, an erster Stelle die Beatles. Und da ganz besonders das Sergeant Pepper-Album. Wenn man sich den unseren ersten Song „Shadow Man“ genau anhört, dann wird man merken, dass da einige Effekte sind, die auch die Beatles schon verwendet haben. Die Drumspuren laufen teilweise rückwärts, dass hört sich so in etwa an, als wenn du ein Messer schleifst (macht das Geräusch nach). Die Beatles haben es verstanden, Musik und Text unter Einbeziehung der technischen Möglichkeiten eine immense Ausdruckskraft zu geben. Das möchte ich mit meiner Musik auch machen bzw. erreichen. Dass ich als Texter schon immer unterbewertet wurde, ärgert mich zwar immer noch, aber die Medien brauchen offensichtlich dieses Klischees von W.A.S.P. als provokante Schockrocker.

Animal: Fuck like a beast wird immer noch als Beweis rangeholt, da werde ich nichts ändern können. Es langweilt mich aber nur noch. Wenn wir Schockrocker sind, was bitte schön ist dann mit G.W.A.R.?   Klar, konservative Leute – und davon gibt es in Amerika mehr als genug – werden uns immer verteufeln. In anderen Ländern sind wir wiederum so was wie Exoten, die man nur wegen der Show sehen muss. Das ging Alice Cooper ja auch nicht anders oder meinetwegen auch Kiss. Doch man sage mir mal bitte ein Gegenargument dafür, warum wir nicht provozieren sollen. Auf der einen Seite bezeichnet man uns als Künstler (artists), auf der anderen Seite aber sollten wir die braven Bubis sein.

Schocken bis der Arzt kommt

Künstler sollen und müssen provozieren, damit die Schlagzeilenleser endlich aufwachen. Um es klar zu sagen, dieser sogenannte Schockrock ist Teil des musikalischen Konzeptes von WASP, wenn du willst, von mir aus auch Teil einer Philosophie. Den Boden unter den Füßen habe ich aber dennoch nicht verloren. Rebellen wie Jim Morrison von den Doors, Jimi Hendrix, die Beatles, Rolling Stones, haben die Rock-Musik doch nicht zuletzt auch deswegen so populär gemacht, weil sie sich nicht stromlinienförmig vereinnahmen ließen. In jedem von uns steckt doch irgendwie ein Rebell, wir Musiker haben die Möglichkeit, das auch auszuleben. Keiner sollte den Schwanz einziehen und sich mit allem abfinden, das ist meine Meinung. Damit aber deine Leser oder Hörer das nicht falsch verstehen, ich rufe weder zu einer Revolution auf, noch halte ich mich für den Erlöser mit der alles wissenden Botschaft und Heilslehre. Die Kirche hat schon immer Menschen unterdrückt mit ihren Drohungen der göttlichen Verdammung in die Hölle. Bullshit. W.A.S.P. wird immer unangenehm sein in den Lyrics. Das schließt aber gute Musik nicht automatisch aus. Und dabei sollten wir es bewenden lassen.“ Auch da hat er wieder recht.

photocredit: By S. Bollmann (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

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