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Veröffentlicht am 19.08.2015 von nemesis

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Iron Savior – Lieber Taxi als Nu Metal

Eine Metal-Platte wie aus dem Bilderbuch… finden laut Piet auch 90% derer, die das Goldstück bisher gehört haben. „Ja, es gibt zu dieser Platte zwei Lager: 90 Prozent sind der Meinung, es sei unser bester Output bisher, 10 Prozent finden das Debut oder die zweite Scheibe besser. Ich dachte mir, Condition Red würde mehr Staub aufwirbeln als der Vorgänger Dark Assault (was ja auch der Fall zu sein scheint). Im Nachhinein finde ich Dark Assault zu düster, zu introvertiert – und auch zu überproduziert.

Condition Red trifft eher das Metalherz. Und genau da kommt diese Platte auch her.

Dark Assault war sehr emotional, diesmal ist die Angelegenheit positiver. Ich hatte damals ziemlich heftige private Probleme, was sich natürlich auch auf die Musik ausgewirkt hat. Gefühle finden einfach immer ihren Weg nach draußen.“ Klingt schon fast philosophisch, ist aber wahr. Außer man ist ein Kontrollbolzen, wie er im Buche steht. „Jetzt fühle ich mich wieder wohler in meiner Haut, was bei der neuen Platte so betrachtet auch geholfen hat. Es flutscht einfach wieder besser.“ Da verbeiß ich mir jetzt einen dummen Kommentar, grins. „Allein der Opener Titans Of Our Time‘ wäre schon zu nett für Dark Assault.“

Auch´n bißl Hardrock gefällig?

Mit dem dritten Song, Iron Bound, blitzt aber doch wieder auch etwas Melancholisches, Sehnsuchtsvolles durch – trotz des knackigen Tempos. „Da hast jetzt auch den untypischten Song dieses Silberlings ausgesucht.“ War auch Absicht. „Ja, dieses Stück hat etwas Tragisches und hätte auch auf der dritten Scheibe sein können. Meiner Meinung spiegelt der Opener die Stimmung von Condition Red am deutlichsten und besten wieder. Zudem habe ich beim Songwriting diesmal (jahreszeitenbedingt) ins Grüne geblickt – und da schreibt man einfach ganz anders als wenn´s den ganzen Tag duster ist. In Warrior finden sich auch einige Hardrock-Elemente wobei ich eh finde, daß der US-Hardrock irgendwie auch Gute-Laune-Musik darstellt.

Künstler sind nun mal kleine Mimosen, Sensibelchen… sonst würden sie kaum Musik machen.“ Genau das muß man aber als Künstler auch wieder sein, sonst wird´s nichts besonders Beeindruckendes. „Ich kann mir durchaus vorstellen, daß es einen emotionalen Zustand gibt, in dem man auch selbst keine Musik mehr machen kann, weil einfach alles zu sehr aufbrechen würde. Die Emotionen sind es, weshalb ich den Metal liebe. Energie und Emotionen freien Lauf lassen – das ist ein wichtiger Aspekt.“ Unter all seinen ‚kleinen Songkinderchen’ gefällt Piet Mindfeeder ziemlich gut, „denn es ist eher ein Geheimtip, ein untypischer Song für uns. Als mich die Journalisten damals bei Dark Assaul* fragten, ob ich fände, es sei unsere beste Scheibe, mußte ich ja sagen. Obwohl mir bewußt war, daß mit diesem Album etwas nicht stimmte.

Diese Platte war ein enormer Druckfaktor für mich, das muß ich gesetehen

Man sagt immer, der dritte Output sei der wichtigste und daher standen wir auch unter großem Druck beim Songwriting, dem Produzieren… das alles führte dazu, daß die Sache nicht spontan war, zu durchgeplant, damit ja auch wirklich nichts schiefgehen konnte.“ Man sieht also, daß langjährige Erfahrung im Business auch nicht davor schützt, daß die Nerven einem einen Streich spielen. „Sicher, ich bin lang genug dabei, um zu wissen, ob etwas funktioniert, etwas wird. Daher habe ich Dark Assault auch freigegeben (das Teilchen ist schließlich auch alles andere als schlecht!!). Ich war damals eben nicht ganz auf der Höhe, meine Probleme haben viel meiner Kraft aufgesogen. Persönlich war Dark Assault für mich sehr wichtig, ohne Frage. Ich habe eine Menge damit aufgearbeitet. Mit 37 Jahren kann man mit Druck umgehen, aber das war eben etwas anderes.“

Schön ist es, daß Musik unter Umständen, wenn nicht alles zu heftig ist, Dinge aufzuarbeiten. Schön ist es mit Verlaub aber auch, daß nicht jeder, der sich scheiße fühlt, eine Platte aufnimmt. Aber zurück zum Thema. „Ich kann Heavy Metal nur so darstellen, wie ich diese Musik empfinde, wie er für mich 100 %-ig dargestellt ist. Und bevor ich Nu Metal machen würde, würde ich lieber Taxi fahren. Das ist nur ein Verstärker samt verzerrter Gitarre und Rap. Hat doch nix mit Metal zu tun. Es ist eine eigenständige Mucke, eine neu aufgekommene Stilistik – allerdings mit ganz anderen Werten, als sie der Heavy Metal hat. Ich würde nicht unbedingt sagen, daß Metal eine Lebenseinstellung ist. Doch es gibt wichtige Punkte im Leben, die mit so manchen Aussagen übereinstimmen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß im Metal Dinge wie Freundschaft, der Geist des Widerspruchs und sich nichts gefallen zu lassen, vorne stehen. Das kommt bei meiner grundsätzlichen Lebenseinstellung entgegen.

Manche übertreiben es allerdings und fangen an, die Sache zu perversieren

Doch der Großteil der Metalheads teilt diese Wertigkeiten. Heavy Metal definiert sich nicht durch Aufnäher und Nieten, Das sind lediglich Zeichen, mit denen man seinen Geschmack und evtl. seine Einstellung nach außen deutlich macht. Es sind nur Symbole. Leider aber reduzieren sich manche darauf und benehmen sich andererseits total scheiße. Metal bedeutet kritisches Denken. In Warrior findet sich eine entsprechende Textzeile, in der es darum geht, daß sich viele als Krieger und Helden sehen. Aber das sind nur Äußerlichkeiten, die inneren Werte zählen.“ Leider sind das ab und an schon mal Maden und Würmer…

„Ich habe mich vor einiger Zeit mit einem Bürschchen angelegt, der von sich dachte und behauptete, der große Metal-Krieger zu sein. Aber als es darauf ankam, entpuppte er sich als absolutes Arschloch, ganz nach dem Motto ‚scheiß auf brothers in metal’. Ich streite auch mal, aber Aufrichtigkeit und Fairneß sind wichtig und sollten ganz oben auf der Prioritätsliste stehen. Man kann sich zanken, solange es auf der Basis gegenseitigen Respekts geschieht.“ Nettes Stichwort. Oder besser: Fremdwort für viele. Den wer hat noch Rückrat genug, anderen Menschen einfach einen grundsätzlichen Respekt entgegen zu bringen und das nicht von Äußerlichkeiten abhängig zu machen.

Wer eine linke Tour mit anderen fährt, braucht gar nicht mit einem Sorry ankommen. So ein Mensch weiß, was er tut

„Treue und Loyalität gehören genauso dazu, es sollte allerdings nicht bis zur Selbstaufgabe gehen. Würde sich jeder daran halten, wäre die Welt ein ganzes Stück besser. Wer eine Linkerei abzieht, einem anderen schadet oder ihn verletzt, ist sich darüber auch bewußt. Wer es aber dennoch tut, wird auch immer Rechtfertigungen für sein Verhalten finden. Doch im Stillen Kämmerchen weiß diese Person das schon“, spricht Piet ein Thema an, das man vielleicht mal erforschen sollte. Geht aber wieder nicht. Schließlich würde das wieder keiner zugeben. All die genannten Wertvorstellungen spielen auch innerhalb Iron Savior eine große Rolle.

„Ich könnte das nicht, wenn es nur auf musikalischer Ebene basieren würde und man sonst nichts gemein hätte. Ich kann mit niemanden Musik machen, den ich nicht mag, damit komme ich nicht klar. Als ich mit Iron Savior anfing und die Leute an Bord holte, war ich sozusagen das Bindeglied, alle kannten sich nur über mich. Mit der Zeit wächst eine Band natürlich. Wir haben miteinander viel erlebt, Lustiges und weniger Lustiges. Wir sind Freunde, das ist eine essentielle Voraussetzung. Für mich ist Musik mit viel Idealismus verbunden, wäre ich auf viel Geld scharf, wäre ich nicht Musiker geworden. Aber irgendwie wollte keiner von uns Akademiker oder so was werden. Idealismus ist eine Grundeinstellung und man kann ihn nur spüren, wenn innerhalb der Band eine Verbundenheit besteht. Viele junge Leute gründen eine Band, weil sie dieses Zusammengehörigkeitsgefühl haben möchten. Vor Iron Savior hatte ich selbst nur eine Schülerband, zusammen mit Kai (Hansen). Eine Band, die von Freundschaft geprägt war. Wir hatten einfach Bock, zusammen Musik zu machen, zu bolzen, am Wochenende miteinander zu trinken und Metal zu hören.“

photocredit: http://site.iron-savior.com/2015/04/iron-savior-unveil-live-dvdcd-details/

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