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Veröffentlicht am 07.04.2017 von nemesis

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Time Requiem

Richard Andersson – ein Portrait

Time Requiem… sagt euch nix? Majestic aber schon, oder?! Genau, die Neo-Klassik Metaller um Tastenzauberer Richard Andersson. Der Gute hatte sich nach einigen nicht so erfüllenden Business-Momenten in der Vergangenheit auf zu neuen Ufern gemacht und dabei neben einigen bereits bekannten Gesichtern von Majestic auch neue Leute an Bord geholt. Das selbstbetitelte Album von Time Requiem war eine dunkle Reise in die hohe Klasse des melodischen Metals mit gehörig viel Klassik drin und noch mehr Tiefe und Power. Und was auch mal angesprochen werden muss. Die Homepage der Band ist einfach klasse. „Die hab ich selbst gemacht“, gab sich Richard stolz wie Oskar. „Ich habe vor einigen Jahren Webdesign gelernt und mir war es wichtig, dass die Seite auch wirklich informativ ist.“

Programmierungs-Schnickschnack

Das ist sie ohne Frage, aber sie sieht eben auch verdammt gut weil elegant aus. „Lieber nicht so bunt und dafür mehr Details – ist meine Meinung. Und so eine Seite darf nicht zu lange brauchen um zu laden.“ Zum Zeitpunkt des Interviews dürfte es mit dem Programmieren von Internetseiten allerdings ebenso dürftig ausgesehen haben wie mit dem Klavierspielen, hatte sich Richard doch vor einigen Tagen den Arm zerbröselt, sprich gebrochen.

Das Interview selbst begann er, als hätte er schon x-mal die gleichen Fragen zur ersten Platte seines neuen Babies gehört. „Es war sicher interessant zu wissen, warum sich bei uns alles so entwickelt hat, es Majestic nun nicht mehr gab, aber dafür Time Requiem. Mir selbst ist die Musik allerdings wichtiger als diese Themen.“ Wegen mir muss er darüber auch nicht reden, es scheint eh, als hätte er der eventuellen Frage nach den letzten Monaten der Band eher vorbauen wollen.

„The Talisman“

Selektiver sein

„Stimmt schon, aber nachdem sich eben einiges getan hatte, erkundigten sich die Leute meist zuerst danach. Das Business an sich macht schon nicht mehr allzu viel Spaß: Viele Bands, viel Mist, der erscheint – und vor allem mehr dreht sich alles mehr ums Geschäft als um die Musik. Man muss heute wirklich selektiver sein, wenn man nach guter Musik sucht. Und zudem ist es schon an der Tagesordnung, dass man bei gleicher Fanzahl weniger Exemplare einer Scheibe verkauft, als es etwa noch vor zwei Jahren der Fall war. Ich für meinen Teil möchte einfach mit Leuten arbeiten, die hingebungsvoll sind, bei der Sache sind. Sich das Biz anzuschauen ist mitunter deprimierend – besonders wenn man sieht, dass andere die Werke eines Künstlers nur für ihre eigenen Zwecke verkaufen wollen.

Ich für meinen Teil möchte einfach mit Leuten arbeiten, die hingebungsvoll sind

Wir hatten mit vielen Labels gesprochen und es war nicht eines dabei, das an der Musik selbst interessiert war.“ Mit Regain hatte Richard letztendlich aber doch die richtigen Partner gefunden, doch wie heutzutage teilweise mit Künstlern umgegangen wird, ließ ihm die Galle hochkommen. „Manchmal grenzt das schon an Missbrauch an Künstlern. Wenn ich eine Idee für einen Song habe, höre ich sie im Kopf, kann mir das alles ausmalen, um es dann umzusetzen. Und jeder, der dieses Gefühl kennt, wird auch verstehen, was ich damit meine. Eine Plattenfirma denkt in erster Linie: ‚Toll, damit kann man Geld machen.’ Ich würde gern mal eine andere Reaktion bei einem Label sehen.“

Dompteure im Musik-Geschäft

Verständlicherweise und auch wenn Richard nichts über die Monate bis zur Veröffentlichung erzählet: Frustriert war er allemal. Und das nicht zu wenig, wie es schien. „Die gesamte Musikindustrie hat leider auch auf die Metal-Szene abgefärbt.“ Und für das, was derzeit mit zusammengecasteten Bands und dergleichen abgeht, hat der Keyboarder auch gleich einen netten, treffenden Kommentar zur Hand.

„Für mich sind das irgendwie Affenbands – fünf hübsche Leute, ein Produzent und fertig ist das nette Video. Die Produzenten erscheinen mir in diesem Fall wie Dompteure. In den ´70er und ´80er Jahren hatten die Bands einen Spirit. Rainbow, Mr. Big… ich bin jetzt 30 Jahre alt und sehe gern zurück. Zwar gibt es Bands wie Stratovarius, die sich nicht dem Nu Metal widmen, aber es sind sehr wenige Combos, die noch diesen angesprochenen Spirit verbreiten.“

„Watching The Towers Of Sky“

Doch muss man auch sagen, dass es eine Menge Bands gibt, die auf ihre Art einen eigenen Spirit freisetzen. Richard sinnierte, dass die Kids heute auf jeden Fall nicht das gleiche Glück haben wie er es in seiner Jugend hatte, als noch … äh, sagen wir mal… andere Musik zu hören war. „Die Künstler, die heute noch über Spirit und Magie verfügen, kennt fast keiner.“ Traurig aber wahr. Und gerade bei Time Requiem könnte man doch anfangen, sich solcher Musik zu widmen. Richard warf einen kleinen Blick zurück:

Where have all the good times gone

„Als wir mit Majestic unser Debut veröffentlichten, überschlugen sich manche Magazine mit guten Kritiken. Sieben von sieben Punkten hier, tolle Reviews da. Wie soll man es da dann mit der nächsten Platte noch besser machen? Klar ist es schön, als Newcomer solche Resonanzen zu bekommen, aber gut ist es für die Entwicklung eines Künstlers nicht.“

Als wir mit Majestic unser Debut veröffentlichten, überschlugen sich manche Magazine mit guten Kritiken

Was aber, liebe Magazinkollegen, wohl nicht heißen sollte, dass jetzt alles Neue aus Prinzip verrissen werden soll. Aber weiter im Text…

Der Name Time Requiem stellte die gehobene verbale Form der Sterbemesse dar und beruhte auf der schweren Zeit, die Richard damals hinter sich hatte. Und seine Gefühle hatte er zudem gleich noch ins Cover-Artwork gepackt. „Ich wollte es auf jeden Fall in blau halten, da diese Farbe eher kühl ist. Der Titel und das Cover vermitteln einen sehr dunklen Eindruck, aber das ist es, wie ich mich fühle.“

Fünf Leute können kein Bild malen

Doch hätte man eine neue Band doch auch als neuen Anfang und nicht als ein Zu-Grabe-Tragen sehen können. „Für mich war das ein schwieriger Schritt. Ich erkannte ab einem gewissen Zeitpunkt, um genau zu sein, nach unserer gemeinsamen Tour mit Symphony X, dass für die damals aktuelle Scheibe nicht mehr getan werden würde. Wir hatten total Bock, mehr live zu spielen, denn soviel war es bis dato nicht. Es ist einsam, ein Musiker zu sein. Musik und meine Familie, das sind die beiden wichtigsten Dinge in meinem Leben. Doch wenn ich komponiere, bin ich allein. Schließlich können auch keine fünf Leute ein Bild malen.“

Wenn ich komponiere, bin ich allein. Schließlich können auch keine fünf Leute ein Bild malen

Mit den Resultaten seines Schaffens im Fall von Time Requiem und der aktuellen Entwicklung war Richard zufrieden. „Die Verkäufe waren gut, die Produktion endlich besser als zu Majestic-Zeiten. Und ich hatte alles unter Kontrolle. Man ist nicht automatisch zufrieden, nur weil man etwas geschaffen hat, womit man zufrieden ist.

„Hidden Memories“

Die Zeit, in der ich am Debut von Time Requiem gearbeitet hatte, war die glücklichste im vorangegangenen Jahr. Als ich nach dem Erarbeiten der Songs mit den anderen ins Studio ging, war ich allerdings schon wieder ein wenig gelangweilt. Doch als die Platte endgültig fertig war, eröffnete sich mir eine neue Dimension. Da griff dann natürlich langsam aber sicher die Vorfreude, live zu spielen, Fans zu treffen und, und, und.“ Ob ihn irgendwer für einen Arsch hält oder nicht, ist Richard einerlei.

„Yngwie Malmsteen ist auch so ein Fall. Ich habe selten einen so netten, warmherzigen Menschen getroffen. Doch sein Ruf ist total anders. Wenn viel Mist passiert, wie es auch bei Yngwie der Fall war, werden manche Menschen eben zu Pitbulls, die erst mal anschlagen, bis sie merken, dass man sie ernst nimmt und wirkliches Interesse an ihnen und dem, was sie tun, hat.“ Und eines kann ich nach zwei Interviews mit Richard, in deren Zwischenzeit er sich doch verändert hat, sagen: Ein Arsch ist dieser Künstler am allerwenigsten.

Vielmehr ein begnadeter Künstler, an dem vielleicht manche Business-Leute sehen können, dass es einen Musiker nicht nur aus erfolgs-technischer oder finanzieller Sicht verletzt, wenn er sich wie ein Produkt behandelt vorkommt anstatt den nötigen Respekt für sich und sein Schaffen zu bekommen. Wie im richtigen Leben. Checkt Time Requiem unbedingt an. Wenn nicht, entgeht Euch verdammt viel.

Alben:

  • Time Requiem (2002)
  • Unleashed in Japan (2003)
  • The Inner Circle of Reality (2004)
  • Optical Illusion (2006)

Besetzung:

Keyboard: Richard Andersson
Gesang: Göran Edman
Gitarre: Magnus Nilsson
Bass: Andy Rose
Schlagzeug: Jörg Andrews

Homepage: anderssonmusic.com

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